• Mit dieser Aufstellung dürfte es Polio-Betroffenen sowie ihren Ärzten und Physiotherapeuten leichter fallen, eine für ihre speziellen Verhältnisse maßgeschneiderte geeignete Therapie zusammenzustellen. Wie bereits eingangs erwähnt, benötigen Polio- und PPS-Betroffene aufgrund ihres sehr individuellen Krankheitsbildes auch stets eine individuelle, genau auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Therapie. Dabei darf nicht der wichtige Grundsatz für das Training vergessen werden:
    "Koordination vor Kraft"

Optimales physiotherapeutisches Behandlungskonzept

Ein in sich stimmiges und für ein bestmögliches Therapieziel optimales physiotherapeutisches Behandlungskonzept sollte bei diesem Patientenkreis mindestens die folgenden Bereiche umfassen:

• Erhalten von Muskelfunktion und Koordination
• Entspannung und Verbesserung des Muskelstoffwechsels
• Kontraktur- und Skoliose-Prophylaxe
• Vegetative Stimulation
• Funktionsschulung
• Hilfsmittel-Erprobung und -Versorgung
• Atemtherapie

Geeignete Therapien

Bei der Auswahl der Therapieformen ist ein wichtiges Gebot: Koordination vor Kraft! Die folgenden neurophysiologischen Therapieformen haben sich im Sinne der bisherigen Ausführungen seit vielen Jahren besonders bewährt:

1.    Entlastungstherapie / Verbesserung des Muskelstoffwechsels

1.1. Lagerung (in entlastender Ausgangsstellung, im Rollstuhl, Sitzergonomie)
1.2. Schlingentischbehandlung
1.3. Bewegungsbad (34 ° C Wassertemperatur)
1.4. Massagen. Diese dürfen aber nicht dazu führen, dass die Spannung der Muskulatur so
       herabgesetzt wird, dass der Patient Probleme bekommt und dann vermehrt seine
       Kompensationsmechanismen einsetzen muss.
1.5. Entspannungstherapien (z. B. n. Jacobson, aber auch Yoga etc.)
1.6. Interferenzstrom. Besonders bei Schmerzen indiziert.
1.7. Wärmeapplikation
1.8. gezielter Hilfsmitteleinsatz

2.    Erhalten von Muskelfunktionen und Koordination

2.1. Stimulationstechniken
2.2. Isometrische Übungen
2.3. Schlingentischbehandlung
2.4. Arbeiten in Bahnungssystemen

3.    Funktionsschulung der Bewegungsorgane

3.1. Situative Therapie
3.2. Ökonomisieren von Bewegungen
3.3. Ausdauertraining ergometrisch überwacht

4.    Kontraktur- und Skolioseprophylaxe bzw. -behandlung

4.1. Prävention
4.1.1. Lagerung
4.1.2. Ergonomie
4.1.3. isometrische und dynamische Übungen
4.1.4. Therapie nach Vojta, Brunkow
4.1.5. Erstellen von Eigenübungsprogrammen

4.2.    Kontrakturbehandlung
4.2.1. vorbereitende Wärmebehandlung
4.2.2. Muskeldehnung (längs/ quer)
4.2.3. Aktivierung der Antagonisten!
4.2.4. Dehnlagerungen
4.2.5. Einsatz von Schienen und Orthesen

5.    Atemtherapie

6.    Vegetative Stimulation

6.1.  Bindegewebsmassage
6.2.  reflektorische Atemtherapie (Brüne/ Schmitt)


7. Hilfsmittel-Erprobung, -Versorgung und -Training.

    dient zusätzlich dem Erreichen und der Erhaltung größtmöglicher Selbständigkeit und  
    Lebensqualität

7.1. Alltagshilfen. In der Küche, beim Essen und im Bad
7.2. Gehhilfen
7.3. Orthesen und Orthopädische Schuhe
7.4. Rollstuhlversorgung. Diese sollte sehr frühzeitig erfolgen. Man braucht ja nicht, sowie
       man einen Rollstuhl hat, nur noch in diesem herumfahren. Er sollte aber immer dann  
       benutzt werden, wenn längere Strecken ohne größere Kraftanstrengung zurück zu
       legen sind. Es ist nämlich nicht sinnvoll, wenn ein Patient z. B. völlig entkräftet zur 
       Therapie erscheint.

8.   Sonstige Therapien

8.1. Logopädie

Die Logopädie wird auch Sprachheiltherapie genannt und richtet sich an Menschen jeden Alters, die von Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen betroffen sind. Das Arbeitsgebiet der Logopädie umfasst dabei sowohl die Untersuchung und Behandlung von bestehenden Mängeln in der Sprache und in der Kommunikation als auch vorbeugende Maßnahmen der Prävention und Beratung. Die Therapie richtet sich auf Störungen der Stimme, der Sprache, des Redeflusses, der Artikulation und des Schluckens wie z. B. bei:
• Dysarthrie – Koordinationsstörungen von Stimme, Artikulation, Atmung und Tonus mit undeutlicher Aussprache infolge verschiedener neurologischer Erkrankungen,
• Aphasie – nach Schlaganfällen, Unfall, Schädel-Hirn-Trauma
• Dyslalie – Sprech- und Artikulationsfehler, Lispeln
• Dysphonie – Stimmstörungen, z. B. auch bei verminderter Atmung wegen Lähmungen der Atemmuskulatur (Polio)
• Dysphagie – Schluckstörungen können in Folge neurologischer Erkrankungen (wie multiple Sklerose, Schlaganfall oder Polio) aber auch aufgrund von Alterungsprozessen auftreten. Die Mund- und Schluckmuskulatur wird in ihrer Beweglichkeit und/oder Sensibilität beeinträchtigt. Die Nahrungsaufnahme ist in diesem Fall sehr erschwert, da die Betroffen sich häufig verschlucken.

Die Logopädie bietet zunächst Beratung und Einordnung der genannten Störungsbilder. Am Anfang einer logopädischen Behandlung steht die Untersuchung. Die Ergebnisse dienen als Grundlage zur Auswahl der Behandlung. Gemeinsam mit dem Patienten und/oder seinen Bezugspersonen werden die Therapieziele festgelegt. Die Schwerpunkte einer logopädischen Behandlung liegen meist darin, Verbesserungen im Bereich der Motorik der Gesichtsmuskulatur, der Kau- und Sprechmuskulatur, der Atmung, des Stimmapparates sowie der Aussprache und des Sprechtempos zu erzielen. Die Behandlung wird durch Anleitungen zum selbständigen Üben ergänzt.

8.2. Lymphdrainage

Die Lymphdrainage ist bis vor 50 Jahren ein Stiefkind der Medizin gewesen, obwohl es schon erste Beschreibungen und Erkenntnisse des Lymphgefäßsystems vor dem 16. Jahrhundert gegeben hat. In seiner Gesamtheit wiederentdeckt und beschrieben wurde das Lymphgefäßsystem erst wieder im 17. Jahrhundert. Auch heute noch wird vielfach die Lymphologie an der Universität und bei ärztlichen Fortbildungen stark vernachlässigt. Als Vater unserer heutigen Lymphknotendrainage-Technik gilt Dr. Emil Vodder, der sie 1936 erstmals in Paris vorstellte. 1967 gründete Vodder unter anderem mit Asdonk die "Gesellschaft für manuelle Lymphdrainage". Aus ihr entstand 1976 die "Deutsche Gesellschaft für Lymphologie". Asdonk gründete 1973 im Schwarzwald die erste lymphologische Fachklinik. Durch die hervorragenden Erfolge dieser Klinik bei der Behandlung von Lymphödemen wurde ab 1974 die manuelle Lymphdrainagetherapie kassenabrechnungsfähig. Seit dieser Zeit entstanden auch mehrere Ausbildungszentren für Lymphdrainage/Ödemtherapie, die von den führenden Lymphologen (Vodder / Asdonk /Földi) geleitet werden.

Was ist manuelle Lymphdrainage?

Die manuelle Lymphdrainage (ML) ist die geeignete Therapie zur Behandlung lymphostatischer Ödeme, die auf einer ungenügenden Transportkapazität der Lymphgefäße beruhen. Es gibt primäre (angeborene) und sekundäre Lymphödeme. Die klassische Indikation sind sekundäre Lymphödeme, z. B. des Armes nach Brustkrebsoperationen. Der Therapeut erzeugt durch verschiedene Grifftechniken mit wechselndem Druck (Druckphase mit Quer- und Längsdehnung der Haut bzw. Nullphase – nur Hautkontakt) einen Reiz für das Gewebe. Dadurch beantworten die glatten Muskelzellen der Lymphgefäße diesen Reiz mit erhöhter Frequenz. Einer häufigen Wiederholung der Griffe folgt eine erhöhte Durchflussrate. Neben der Wirkung auf die Ableitung der Ödeme gibt es sympatikolytische (Patienten werden ruhig, Anregung des Magen-Darm-Traktes), schmerzlindernde und tonussenkende Wirkungen auf die Skelettmuskulatur. Bei der Therapie muss die Streichrichtung immer in Richtung auf die Extremitätenwurzel (Arm, Bein) bzw. allgemein zur Endstation des Lymphgefäßsystems am Zusammenfluss der linken Schlüsselbeinvene mit der Halsvene hinter dem Schlüsselbein hinsteuern. Dadurch wird die Lymphe zu den zentralen großen Lymphstämmen geleitet. Außerdem kann eiweißreiche Ödemflüssigkeit durch das oberflächliche Lymphgefäßsystem, das den Körper wie ein Netz überzieht, von einem gestauten Arial in ein gesundes Areal verschoben werden. Bei der Bauchtiefdrainage wird auch unter Einbeziehung des Atemrhythmus in die Tiefe gearbeitet, so wie auch bei einigen Spezialgriffen z. B. am Adduktorenspalt. Ansonsten wird überwiegend flächig gearbeitet. Zur Unterstützung der Lymphdrainage und zur Vermeidung der Re-Ödematisierung des Gewebes werden in der Mehrheit der Krankheitsfälle nach der Behandlung noch eine Bandagierung (oder Anlegen von maßgefertigten Kompressions-Strümpfen), Hautpflege und spezielle Bewegungstherapien vorgenommen, die man unter dem Begriff "Komplexe Physikalische Entstauungstherapie" (KPE) zusammenfasst. Die manuelle Lymphdrainage bewirkt keine Mehrdurchblutung wie in der klassischen Massage. Eine andere Therapiemöglichkeit ist die AIK (apparative intermittierende Kompression). Dabei wird die Gliedmaße mit einer Druckmanschette mechanisch entstaut. Die Indikation dafür muss allerdings sehr eng gestellt werden.



Bundesverband Poliomyelitis e.V.

  • Interessengemeinschaft von Personen mit Kinderlähmung
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