Gotschy-Teneriffa


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Der Sonne hinterher …

Im Prinzip wird sie ihrem Namen gerecht: Teneriffa, Insel des ewigen Frühlings – aber beim Thema Barrierefreiheit herrscht nur bedingt Sonnenschein. Helmut Gotschy berichtet...


Wer hatte letztes Jahr nicht die Nase voll vom Winter? Dieser ewig kalten und grauen Düsternis, diesen sibirischen Minusgraden und den immer wieder rutschigen Gehwegen oder glatten Straßen. Was lag da näher, als sich auf die klimatisch sichere Seite zu schlagen und die Kanarischen Inseln ins Auge zu fassen. Im Internet lockt Teneriffa mit zahlreichen Versprechungen: den sauberen Stränden, der üppigen Vegetation und dem ewigen Frühling. Nicht zuletzt gibt es dort ein behindertengerechtes Hotel, das Mar-y-Sol. Es liegt im Südwesten der Insel am Beginn einer acht Kilometer langen barrierefreien Promenade, immer am Meer entlang von Los Christianos nach Las Americas.
Der Flug war mit vier Stunden erträglich, die Sonne brannte bei Ankunft vom Himmel und der Abholservice des Hotels mit barrierefreiem Bus war pünktlich. Wer auf sich warten ließ, war mein Elektrorollstuhl. Ich wurde von einem freundlichen Herrn mit gelber Warnweste zum Sperrgutschalter verfrachtet und durfte mit ansehen, wie das Bodenpersonal mein geländetaugliches Gefährt unbeholfen über das Rollfeld bugsierte – ohne Hinterräder. Diese lagen auf dem Sitz. Nachdem ich am Boden kauernd und um den Rolli robbend diese wieder montiert hatte, neugierig beobachtet von drei hilflos dreinblickenden Tinerfeños, war ich nach Atem ringend und mit lahmen Armen fürs Erste bedient.
Die Fahrt zum Hotel führte an fußballfeldgroßen Bananenplantagen und verwahrlosten Baustellenbrachen entlang der Küste. Dazwischen Wasser. Endlich konnte ich einen Blick aufs tintenblaue Meer werfen, das weiß schäumend gegen schwarze Felsen brandete. Endlich erwachten Urlaubsgefühle und ich freute mich auf eine gesalzene Wellenschaukel.

Wenig später erreichten wir die Anlage. Der Blick aus dem Fenster zeigte die Rückfront eines direkt am Meer gelegenen Ressorts. Immerhin stand vor dem Balkon ein märchenhaft blau blühender Jacarandabaum.
Der Weg zum Restaurant führte über flache Stahlblechrampen durch eine großzügige Poollandschaft ohne überflüssigen Schnickschnack; drei Becken; eines davon mit 32°C, Lifter und Treppen mit Handlauf. Ringsum sonnenbeschirmte Liegen, daneben zahlreiche Rollis. Der Speisesaal füllte sich nach und nach und ich sah mich irritiert um, kam ich mir doch vor wie in der Kur. Vorne lockte ein kaltes Buffet mit Vorspeisen, weiter hinten wurden Hauptgerichte warmgehalten, vorwiegend fleischlastige, deutsche Durchschnittskost, zum Dessert Törtchen, Pudding oder eine Eiskugel vom Discounter. Für die Engländer gab’s zum Frühstück Extrawürstchen, dazu Speck und verschieden zubereitete Eier. An den Thementagen wurden Paella, Pizza oder Tiefkühlfisch geboten – auf jeden Fall wurde ich satt und der Hauswein war qualitativ und preislich in Ordnung!
Ein weiterer Grund für die Wahl des Reiseziels war neben der Promenade der barrierefreie Zugang zum Meer, der vom Spanischen Roten Kreuz geschaffen worden war. Auf allen Prospekten waren braun gebrannte Lifeguards und mit gelben Ballonreifen bestückte Rollwagen abgebildet, in denen Unerschrockene ins Meer gekarrt werden. Von den Buggys keine Spur, auf der Plattform nur ein Strandwächter vor einem riesigen Transparent: „Wir streiken!“ Nachdem die Gemeinde die Verantwortung an ein katalanisches Unternehmen übertragen hatte, wurde von denen seit acht Monaten kein Lohn mehr gezahlt. „Beschwerdevordrucke bekommen Sie im Tourist Office. Tut uns Leid!“ Ich glaubte ihm sogar. Somit war das Salzwasser den Augen vorbehalten.
Entlang der Promenade wartete die nächste Überraschung. Wer entspannte Urlaubsatmosphäre suchte, sah sich einem Bausündenwettbewerb gegenüber und wurde auf Schritt und Tritt belästigt. Arbeitslose Jugendliche, gestrandete Afrikaner und mittellos wirkende Rentner kämpften ums Überleben, kämpften um jeden einzelnen Passanten.

Doch da waren auch angenehme Seiten! Im Hotelkomplex integriert war eine Therapieabteilung. Neben Massagen, Fango und Gymnastik konnte ich mir unter den kundigen Händen der Leiterin meinen verzogenen Rücken wieder gerade biegen lassen. Direkt neben dem Resort bot die Firma LeRo Kurztrips und Tagesausflüge in Spezialbussen mit Hebebühne an. Schwerpunkt jedoch sind diverse Hilfsmittel wie Krücken, Rollatoren und E-Scooter, die man mieten kann. Der Preis dafür überstieg allerdings den eines Mietwagens. Meinen Opel Combo gab’s für ein gutes Drittel billiger und in diesen passten bei umgeklappter Rückbank Rollstuhl und die zusammenschiebbaren Rampen, beides war von der Fluglinie kostenlos transportiert worden. Die Fahrt auf der Autobahn war uninteressant.
Wesentlich spannender waren die kleinen Sträßchen, die sich eng und kurvig an verlassenen Dörfern, Obstgärten und Ziegenweiden Richtung Teide schlängelten. Fahrroutine ist unbedingt von Vorteil, bei entgegenkommenden Reisebuskonvois gab’s Nervenkitzel gratis. Andererseits wurde ich durch beeindruckende Inselansichten entschädigt, besonders, nachdem die dichte Wolkendecke in der Inselmitte durchbrochen und die Spitze des höchsten Berg Spaniens in flirrendem Sonnenlicht flimmerte. Nicht minder spektakulär waren die sich ständig veränderten Gesteins- und Oberflächenansichten an dessen Fuß. Schroff drohten pechschwarze Lavaformationen, gingen abrupt in grün schimmernde, kaktusrunde Felsbrocken über, diese schlossen an ein hügelig festes Feinkiesplateau an. Fest genug, um mit dem Rolli ein paar Runden zu drehen und sich in über 2000 Metern Höhe den kalten Wind um die Ohren pfeifen zu lassen.

Zum echten Abenteuer wurde der Ausritt, als der Schein der Festigkeit trog und ich unversehens bis zu den Radnaben einsank. Aber Hilfe nahte sofort, hatten doch viele Seilbahn-Gipfelstürmer der Warteschlange den Rücken gekehrt und sich die Zeit anderweitig vertreiben. Weitere landschaftliche Exkursionen bei diesem Ausflug waren mangels Parkmöglichkeiten leider nicht möglich, und falls doch eine Lücke in einer Bucht frei und der Rollstuhl startklar war, wurde mir der Weg nach wenigen Metern hinter der nächsten Kurve durch eine Schranke mit dem Hinweis „Privat“ oder wegen eng beieinanderliegender Steinbrocken verwehrt.
Ein wirklich kulinarisches Highlight bescherten mir wenige Tage später meine Freunde, die mich in ein kleines Fischerdorf gelotst hatten, um gemeinsam meinen Geburtstag zu feiern. Fein gedeckte Tische auf der Terrasse mit Blick zu einem winzigen Fischereihafen sorgten für Urlaubsstimmung pur. Boote dümpelten an der Kaimauer, Fledermäuse huschten um die Masten. Mich erwartete die Fischplatte meines Lebens! Die gebratenen Brassen und Barben waren so frisch, dass sie noch auf dem Teller mit den Flossen schlugen. Die Kartöffelchen hatten diese herrlich krümelige Salzkruste wie man sie von Fotos kanarischer Kochbücher kennt und waren auf den Punkt gegart. Die rote und grüne Soße war hausgemacht und bei den Getränken folgten wir der Empfehlung des Kellners, der Richtung der Hügel zeigte. Die Rebstöcke des Hausweines standen quasi um die Ecke. Momente, in denen meine Sehnsucht gestillt und ich die Hotelanlagen vergessen konnte, obwohl deren Silhouetten ganz weit hinten den Nachthimmel zerschnitten.

Bundesverband Poliomyelitis e.V.

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