Pressemiteilung


Selbstbestimmung statt Fürsorge - Selbsthilfe ist wichtiger denn je

In den vergangenen zwei Jahren, den Monaten der Corona-Pandemie, ist es für viele Menschen schwieriger geworden, an vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wie gewohnt teilzunehmen. Das gesellschaftliche Miteinander, das Gefühl der Zusammengehörigkeit blieb oftmals auf der Strecke. Statt den Anspruch auf Selbstbestimmung zu stärken, wurde wieder zunehmend der Gedanke der Fürsorge in den Mittelpunkt gerückt. Das betraf vor allem Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen sowie alte Menschen, die sich aus Sorge vor einer Ansteckung besonders schützen mussten. Viele Möglichkeiten der Begegnung entfielen, mitunter entstanden Situationen der Isolation und der Einsamkeit. Der Bundesverband Poliomyelitis (Kinderlähmung) e. V. hat sich dieser Herausforderung gestellt und viel dafür getan, um die Gemeinschaft der Polio-Betroffenen dennoch durch bewusstes Handeln zu stärken.

In Deutschland leben etwa 50.000 bis 60.000 Menschen mit den Folgen der Poliomyelitis (Kinderlähmung), einer heimtückischen Krankheit, die seit Einführung der Schluckimpfung Anfang der 60er Jahre in diesem Land als überwunden gilt. Weithin unbekannt, auch hier in Deutschland, war bisher eine besondere Spätfolge der Poliomyelitis, die oft erst 20 bis 50 Jahre nach der Erkrankung auftritt: das Post-Polio-Syndrom. Das ist eine neue Störung mit Schwäche, Abnahme der Muskelmasse, Schmerzen, Ermüdbarkeit oder vermehrter muskulärer Erschöpfbarkeit, wovon auch die Atemmuskulatur betroffen sein kann. Menschen, die mit dem Post-Polio-Syndrom leben, ängstigten sich in besonderem Maße vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus. Aus ihrer Erfahrung und ihrem Wissen über den Umgang mit Virus-Erkrankungen heraus entwickelten sie aber gleichzeitig eine Stärke, mit der unabänderlichen Situation umzugehen. Sie stellten sich der Frage, was man dieser Pandemie entgegensetzen kann und ob es eine Alternative ist, sich völlig zu isolieren, oder ob man dieser Herausforderung mit besonderen Aktivitäten begegnen kann.

So realisierten die Mitglieder des Verbandes – einschließlich des Bundesvorstandes wie auch der Landesverbände sowie der zahlreichen Regionalgruppen und Kontaktstellen – vielfältige Möglichkeiten, um miteinander zu reden, sich auszutauschen und sich in schwierigen Situationen beizustehen. Sie organisierten Online-Gespräche, schrieben Rundbriefe und hielten telefonischen Kontakt zu Mitgliedern, denen die technischen Voraussetzungen oder das technische Können für Online-Gespräche fehlten. Diese digitalen Lösungen werden auch über die Pandemie hinaus von Bedeutung sein – gerade für Menschen, die durch Behinderung und Alter in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Denn die Kräfte vieler Betroffener schwinden massiv und immer öfter gibt es Mitglieder, die es nicht mehr schaffen, zu den Veranstaltungen zu kommen. So sind Online-Konferenzen eine gute Methode, um weiterhin im Gespräch zu bleiben.

Mit Blick auf die Zivilgesellschaft und angesichts von gesellschaftlichen Debatten wie die über die Triage fordert der Verband insgesamt mehr Akzeptanz und Verständnis für die Lebenssituation von Menschen, die mit den Spätfolgen einer Poliomyelitis leben. Sie sind gleichberechtigte Mitglieder dieser Gesellschaft und können mit ihren Erfahrungen anderen Menschen Mut machen.

Pressekontakt:

Bundesverband Poliomyelitis e. V.

Beratungs- und Geschäftsstelle

Freiberger Straße 33

09488 Thermalbad Wiesenbad

Tel.: 03733 504-1190

Fax: 03733 504-1186

E-Mail: info@polio-selbsthilfe.de


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  • Interessengemeinschaft von Personen mit Kinderlähmung
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