PN 3/2021
Vorschau


Die aktuelle Ausgabe der Polio-Nachrichten geht schwerpunktmäßig der Frage nach, welche psychischen Langzeitfolgen bei Polio- und PPS-Betroffenen auftreten können und welche Möglichkeit der Bewältigung es gibt. Heike Meißner, Klinische Neuropsychologin und Psychologische Psychotherapeutin vom Neurologischen Rehabilitationszentrum Quellenhof, betont in ihrem Artikel, dass es, um die besondere Situation der Betroffener zu verstehen, wichtig sei, sich noch einmal die Erfahrungen in der Akutphase der Erkrankung zu vergegenwärtigen. Viele Betroffene wurden durch die Isolation in Quarantänestationen und die damit oft verbundene monatelangen Trennung von nahen Bezugspersonen und Familienangehörigen traumatisiert. Sie machten Erfahrungen von Ausgrenzung und Einsamkeit und mussten mit Gefühlen von Hilflosigkeit, Lebensbedrohung und der Abhängigkeit von oft wenig einfühlsamen professionellen Helfern umgehen lernen. Der Verlust körperlicher Funktionen stellte eine weitere massive Bedrohung dar.

Heike Meißner spannt dabei den Bogen von der Vergangenheit hin zur aktuellen Situation, die durch das PPS gekennzeichnet ist. Das PPS ist nach ihrer Meinung eine neue erhebliche psychische Belastung und andauernde Stresssituation für die Betroffenen und ihre Angehörigen, die häufig mit Veränderungen innerhalb des sozialen Gefüges, der Familie und der Berufstätigkeit einhergehen. Diese Veränderungen erfordern eine permanente Anpassungsleistung und Anstrengung, was erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität mit sich bringt. Meißner zeigt dabei auf, dass eine konsequente Behandlung dieser Folgen das Leiden der Betroffenen mildern und zu mehr Lebensqualität und neuem Lebensmut führen kann. Große Bedeutung komme in diesem Zusammenhang dem Austausch mit anderen Betroffenen im Rahmen von Selbsthilfegruppen zu. Das Gefühl, eingebunden zu sein und Verständnis zu erfahren, aber auch gemeinsam schöne Erlebnisse zu teilen, kann das Ausmaß der Belastung durch die Erkrankung deutlich vermindern.

Wie stark das alles viele Polio-Patienten, aber auch deren Familien prägte, daran erinnert sich Hans-Joachim Wöbbeking in einem sehr persönlichen Bericht. Die Diagnose Poliomyelitis habe von einem auf den anderen Moment das Leben der Familien grundlegend verändert, auch wenn manches tief im Unterbewusstsein vergraben sei. Wöbbeking benennt dabei zum einen die Potentiale, die aus einer solchen Erkrankung erwachsen können. Er spricht aber auch über die möglichen dramatischen Folgen. „Wenn wir uns in diesem Zusammenhang über das Thema Trauma oder Traumatisierung unterhalten“, so Wöbbeking, „fallen uns einige Stichworte ein: Verlust von Grundvertrauen, Aufpäppeln, Abnehmen, krank, schwach, zu dünn, Kindesmissbrauch, Durchmustern der Schulanfangskinder, die Ware Kind – wer hat an all dem eine Menge Geld verdient … Heimbetreiber, Transportunternehmen?“ Aus seiner Sicht sind diese Stichworte geeignet, das Thema weiter zu vertiefen oder die Aspekte aus anderen Blickwinkeln zu sehen.


Bundesverband Poliomyelitis e.V.

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